Bemerkungen über das Verhältnis von Quantität und Qualität

und seinen Zusammenhang zur Information

 

                                       von G. Blankenstein und E. Wirkner    (1982)

 

Die Lösung des Informationsproblems in seinen vielfältigen praktischen Erscheinungsformen wird in zunehmendem Maße zu einer erstrangigen gesellschaftlichen Aufgabe. Mit der sich schnell entwickelnden EDV-Technik sind zwar heute bereits erstaunliche Rationalisierungseffekte im Umgang  mit großen Informationsmengen und deren formaler Umformung möglich, aber zwischen einer wissenschaftlichen Grundlagenarbeit und einem lyrischen Gedicht macht die EDVA keinen Unterschied.  Im Gegensatz zum quantitativen Informationsträger ist die Information, die in der menschlichen Kommunikation die entscheidende Rolle spielt, qualitativer Natur und wird von keiner technischen Anlage erfasst. Das Informationsproblem bedarf einer Lösung auch in quantitativer Hinsicht, vor allem aber eines qualitativen Lösungsansatzes. Notwendige Voraussetzungen dafür sind präzisere Vorstellungen über das Verhältnis und den Zusammenhang von Quantität und Qualität.

 

Beide Begriffe werden von Hegel bis zur Gegenwart übereinstimmend in ihrer dialektischen Einheit gesehen. Die Begriffsinhalte sind in dieser Zeit aber nicht präzisiert sondern insbesondere durch ihre umgangssprachliche Verwendung verändert und erweitert worden. R. Thiel schreibt darüber: "Jedes der Wörter "Quantität"  und "Qualität" hat rund ein Dutzend genau unterscheidbare, zum Teil sogar einschneidend differierende Bedeutungen. Die Mehrzahl der Bedeutungen sowohl von "Quantität" wie auch von "Qualität" sind Widerspiegelungen objektiv unterschiedlicher Sachverhalte."(1)  Damit sind diese Wörter aber für jede klare Aussage unbrauchbar, wenn man nicht zuvor festlegt, in welchem Sinne sie verwendet werden. Stehen mehrere Begriffsvarianten zur Auswahl zur Verfügung, so wird man die Wahl so treffen, dass der Begriff einerseits für das  darzulegende Problem möglichst zweckmäßig ist und andererseits im Interesse allgemeingültiger Aussagen weitgehend mit dem philosophischen Sprachgebrauch übereinstimmt.

 

Leider ist auch in der philosophischen Literatur die Auffassung von diesen wichtigen Kategorien weder einheitlich noch eindeutig. So charakterisiert ein philosophisches Wörterbuch die Quantität als "philosophische Kategorie, welche die messbare äußere Bestimmtheit der Gegenstände, Erscheinungen und Prozesse der objektiven Realität, wie Größe, Menge, Intensität, strukturelle Anordnung usw., widerspiegelt." (2)  Wesentlich für unsere Zielstellung ist dabei die Messbarkeit als konkretes Kriterium für die Quantität. Logischerweise muß dann die Qualität nicht messbar sein, aber gerade diese Konsequenz ist bisher nirgends klar formuliert worden. Natürlich bedarf auch der Begriff Messbarkeit einer kritischen Betrachtung.

            

Die Eindeutigkeit der Aussage des zitierten Wörterbuches wird in der Fachliteratur aus nicht erkennbaren Gründen eingeschränkt. Bartsch und Klimaszewsky schreiben: "Quantitäten sind oft exakt messbar..." (3) Bezieht sich dieser mit dem Wort oft verbundene Vorbehalt auf die Unzulänglichkeiten der Meßmethoden oder gibt es nach Auffassung dieser Autoren Quantitäten, die grundsätzlich nicht exakt messbar sind?  Sie definieren: "Mit dem Begriff "Quantität" bezeichnen wir die Beschaffenheit der Dinge und Erscheinungen, als Mengen von Qualitäten, Eigenschaften, Elementen usw. zu existieren." (4)  Auch in einer neueren Gesamtdarstellung der "Marxistisch-Leninistischen Philosophie" heißt es Man kann stets nur Quantitäten von Qualitäten, nie Quantität an sich angeben.... Wir verstehen unter Quantität die Existenz der Erscheinungen und Prozesse in Form von Mengen und Graden von Qualitäten." (5)  Die Formulierung "Mengen von Qualitäten ist aber nur dann nicht paradox, wenn man die Qualität mit einer Konkreten Eigenschaft gleichsetzt, denn es gibt selbstverständlich messbare Eigenschaften. Da aber nicht alle Eigenschaften messbar sind, wäre eine solche Aussage nur mit Einschränkungen richtig.

 

Der Qualitätsbegriff wird von den gleichen Autoren auch in einem ganz anderen Sinne verwendet: "Im philosophischen Sinne verstehen wir unter Qualität die Gesamtheit der wesentlichen Eigenschaften von Escheinungen und Prozessen, die die Erscheinungen oder den Prozeß als Ganzes charakterisieren." (6)  "Qualität ist demzufolge die Gesamtheit der wesentlichen Eigenschaften eines Objektes oder Prozesses." (7)  Diese   einleuchtende und überzeugende Auffassung von der Qualität hat aber zur Folge, dass jedes Objekt, jede Erscheinung und jeder Prozeß  in einer bestimmten Situation nur eine Qualität haben kann und dass die Eigenschaften, die in ihrer Gesamtheit die Qualität ausmachen, auch weiterhin Eigenschaften genannt werden sollten, um Widersprüche zu vermeiden. Darüber hinaus bringt diese Definition mit der Einengung auf wesentliche Eigenschaften auch die Relativität der Qualität zum Ausdruck, denn welches die  wesentlichen Eigenschaften sind, ist abhängig von dem Gesamtzusammenhang und den Bedingungen der Wechselwirkungsprozesse, in denen die Qualität in Erscheinung tritt und wirksam wird.

 

Was hierbei unter Quantität zu verstehen ist, hat bereits F. Engels eindeutig dargelegt: "Dies können wir für unseren Zweck dahin  ausdrücken, dass in der Natur, in einer für jeden Einzelfall genau feststehenden Weise, qualitative Änderungen nur stattfinden können durch quantitativen Zusatz oder quantitative Entziehung von Materie oder Bewegung (sog. Energie). Überschreiten die quantitativen Veränderungen diese Grenze, so hört das Maß auf, Maß des gegebenen Gegenstandes zu sein. Es kommt zu einer qualitativen Veränderung des Gegenstandes." (11)

 

Diese Zitate sind eindeutig und verständlich. Geben sie aber wirklich eine ausreichende Antwort auf die Frage nach dem Verhältnis und den Zusammenhang von Quantität und Qualität? Das schon von Hegel als Beispiel verwendete Wasser hat - wie andere Flüssigkeiten auch - einen Schmelzpunkt und einen Siedepunkt als untere und obere Grenzen, die leicht erkennbar und bestimmbar, aber auch von Bedingungen (z.B. Druck) abhängig sind. So einfach liegen die Dinge aber nur im physikalischen Bereich. Das hat bereits Hegel sehr deutlich erkannt:

 

           Die Entwicklung des Maßes, die im folgenden versucht worden, ist eine der schwierigsten Materien; indem sie von dem unmittelbaren, äußerlichen Maße anfängt, hätte sie einerseits zu der abstrakten Fortbestimmung des Quantitativen (einer Mathematik der Natur) fortzugehen, andererseits den Zusammenhang dieser Maßbestimmung mit den Qualitäten der natürlichen Dinge anzuzeigen, wenigstens im allgemeinen; denn die bestimmte Nachweisung des aus dem Begriffe des konkreten Gegenstandes hervorgehenden Zusammenhangs des Qualitativen und  Quantitativen gehört in die besondere Wissenschaft des Konkreten - wovon Beispiele in der Enzykl. Der philos. Wissensch. 3. Aufl. §267 u. 270 Anm., das Gesetz des Falles und das der freien himmlischen Bewegung betreffend, nachzusehen sind. Es mag hiebei dies überhaupt bemerkt werden, dass die verschiedenen Formen, in welchen sich das Maß realisiert, auch verschiedenen Sphären der natürlichen Realität angehören. Die vollständige, abstrakte Gleichgültigkeit des entwickelten Maßes, d.i. der Gesetze desselben kann nur in der Sphäre des  Mechanismus statthaben, als in welchem das konkrete Körperliche nur die selbst abstrakte Materie  ist; die qualitativen Unterschiede derselben haben wesentlich das Quantitative zu ihrer Bestimmtheit; Raum und Zeit sind die reinen Äußerlichkeiten selbst. Und die Menge der Materien, Massen, Intensität des Gewichts, sind ebenso äußerliche Bestimmungen, die an dem Quantitativen ihre eigentümliche Bestimmtheit haben. Dagegen wird solche Größebestimmtheit des abstrakt Materiellen schon durch die Mehrheit und damit einen Konflikt von Qualitäten im Physikalischen, noch mehr aber im Organischen gestört. Aber es tritt hier nicht bloß der Konflikt von Qualitäten als solchen ein. Sondern das Maß wird hier höhern Verhältnissen untergeordnet, und die immanente Entwicklung des Maßes vielmehr auf die einfache Form des unmittelbaren Maßes reduziert. Die Glieder des animalischen Organismus haben ein Maß, welches als ein einfaches Quantum im Verhältnis zu anderen Quantis der anderen Glieder steht; die Proportionen des menschlichen Körpers sind die festen Verhältnisse von solchen Quantis; die Naturwissenschaft hat noch weiterhin, von dem Zusammenhange solcher Größen mit den organischen Funktionen, von denen sie ganz abhängig sind, etwas einzusehen. Aber von der Herabsetzung eines immanenten Maßes zu einer bloß äußerlich determinierten Größe ist die Bewertung das nächste Beispiel. An den Himmelskörpern ist sie die freie, nur durch den Begriff  bestimmte Bewegung, deren Größen hiemit ebenso nur von demselben abhängen (s. oben), aber von dem Organischen wird sie zur willkürlichen oder mechanisch-regelmäßigen, d.h. überhaupt abstrakten formellen Bewegung heruntergesetzt.

           Noch weniger aber findet im Reich des Geistes eine eigentümliche, freie Entwicklung des Maßes statt. Man sieht z.B. wohl  ein, dass eine republikanische Verfassung wie die atheniensische oder eine durch Demokratie versetzte aristokratische nur bei einer gewissen Größe des Staates Platz haben kann, dass in der entwickelten bürgerlichen Gesellschaft die Mengen von Individuen, welche den verschiedenen Gewerben angehören, in einem Verhältnisse miteinander stehen; aber dies gibt weder Gesetze von Maßen noch eigentümliche Formen derselben. Im Geistigen als solchem kommen Unterschiede von Intensität des Charakters, Stärke der Einbildungskraft, der Empfindungen, der Vorstellungen usf. vor; aber über dies  Unbestimmte der Stärke oder Schwäche geht die Bestimmung nicht hinaus. Wie matt und völlig leer die sogenannten Gesetze ausfallen, die über das Verhältnis von Stärke und Schwäche der Empfindungen, Vorstellungen usf. aufgestellt werden, wird man inne, wenn man die Psychologien nachsieht, welche sich mit dergleichen bemühen.  (12)

 

              Auch wenn man darauf verzichtet, an den Formulierungen Hegels herumzudeuteln, und wenn man davon absieht, dass Hegel im gesellschaftlichen  und "geistige" Bereich noch keine Gesetzmäßigkeiten für das Verhältnis von Quantität und Qualität erkennen konnte, bleibt die allgemeine Erkenntnis von Hegel, dass das Maß in "verschiedenen Sphären der natürlichen Realität" wesentliche Unterschiede aufweist. Heute können wir diese Erkenntnis so formulieren:  Mit der  Entwicklung der Materie zu immer höher organisierten Formen hat sich auch der Zusammenhang von Quantität und Qualität wesentlich verändert. Diese Veränderungen und Unterschiede bedürfen zweifellos einer genaueren Analyse, für die hier nicht der Platz ist. Für uns ist die von Hegel bereits so klar formulierte Erkenntnis, die bisher offenbar kaum Beachtung gefunden hat, ein zusätzlicher Beleg für die Richtigkeit unserer Auffassung von der Information als einer qualitativen Erscheinung, deren Verhältnis zum quantitativen Informationsträger sich im Ergebnis der Entwicklung von immer komplizierteren und komplexeren Strukturen stark verändert hat. (13)

 

Weitere Einsichten vermittelt die Untersuchung der Messbarkeit und der Methoden zur quantitativen Erfassung qualitativer Erscheinungen.. Physik ist ohne Geometrie und Mathematik nicht vorstellbar. Das physikalische Denken ist vollständig auf die Erfassung der quantitativen Seite der Objekte, Erscheinungen und Prozesse ausgerichtet. Die auf diese Weise erzielten gewaltigen Erfolge führten zu der Forderung, physikalische und mathematische Methoden verstärkt auch in solchen Bereichen wie Biologie und Medizin und sogar bei der Lösung gesellschaftlicher  Probleme und Aufgaben einzusetzen. In diesen Praxis- und Forschungsbereichen treten aber in großem Umfange die qualitativen Seiten der Erscheinungen in den Vordergrund, die sich häufig nur schwer oder auch gar nicht quantitativ erfassen lassen. Dort wo das gelungen zu sein scheint, lohnt es sich, Methoden und Ergebnisse einmal kritisch zu betrachten.

 

Klar und eindeutig liegen die Dinge bei der objektiven Messung. Der quantitative Vergleich von Stoffmengen oder Energiemengen führt zur Messung. Die Maßeinheit ist eine definierte Menge, deren Festlegung meist historisch bedingt und mehr oder weniger zweckmäßig erfolgt ist. Eion Vergleich mit der zu messenden Menge führt dann zu einer zahlenmäßigen Aussage. Diese Zahl ist relativ, das heißt abhängig von der Maßeinheit,  die grundsätzlich auch willkürlich festgelegt werden kann. Maßeinheit, zu messende Menge und Meßmethode sind ihrem ´Wesen nach objektiv. Daran ändert sich auch nichts, wenn konkrete Meßmethoden eine unterschiedliche  Genauigkeit der Ergebnisse erreichen. Die Messung von Stoff- und Energiemengen reicht aber für physikalische Aussagen nicht aus. Es werden auch noch quantitative Aussagen über Raum und Zeit benötigt. Wenn man von relativitätstheoretischen Einschränkungen absieht, gelten für die Messung von Entfernungen, Winkeln und Zeiten die gleichen Aussagen, wie für das Messen von Stoff- und Energiemengen. Demzufolge sind zumindest die physikalischen Maßeinheiten und Meßmethoden objektiv und allgemeingültig. Auch die zahlenmäßigen Aussagen sind im Rahmen der Messgenauigkeit zuverlässig und haben die Beweiskraft von Tatsachen.

 

Die Qualität als Gesamtheit aller wesentlichen Eigenschaften von Objekten, Erscheinungen und Prozessen ist einer direkten Messung nicht zugänglich. Es gibt dafür auch keine Maßeinheit. Trotzdem ist es möglich, beispielsweise die Qualität oder Güte industrieller Erzeugnisse anhand von zahlenmäßigen Aussagen zu vergleichen. Dabei handelt es sich um Angaben über messbare Qualitätskriterien. Die Qualität eines Personenkraftwagens kann z.B. charakterisiert werden durch die Motorleistung, die Höchstgeschwindigkeit, den Kraftstoffverbrauch, das Eigengewicht u. a. Diese Eigenschaften sind objektiv messbar und werden durch die Zahlenangaben vergleichbar. Es muß aber eindeutig festgestellt werden, dass diese Kriterien weder einzeln noch in ihrer Gesamtheit mit der Qualität identisch sind. Es handelt sich in jedem Falle  nur um Ersatzparameter für die Qualität, also um wesentliche Eigenschaften, die im konkreten Fall die Qualität mitbestimmen können. Auch die Zahlenwerte sind im Hinblick auf die Qualität nur bedingt zuverlässig, denn die Voraussetzung für ihren Aussagewert ist ein enger und gleich bleibender Zusammenhang zwischen dem Ersatzparameter und der Qualität. Dieser ist jedoch nicht immer gewährleistet und bedarf im Einzelfall der Überprüfung. Die Bewertung der Qualität eines Erzeugnisses ist aber auch abhängig von den Anwendungs- und Einsatzbedingungen, wodurch die Relativität der zahlenmäßigen Aussagen zur Qualität noch deutlicher wird.

 

Die Messung der Ersatzparameter ist eine Methode, die in vielen Praxisbereichen angewendet wird. Geschieht das unkritisch, so entsteht der Eindruck, dass Qualität gemessen wird. Selbst in den sprachlichen Formulierungen bei der Beschreibung derartiger Messungen wird dieser Eindruck oftmals noch unterstrichen. Als logische Folge davon wächst daher vielfach die Überzeugung, dass Qualität messbar ist, wenn man nur wenigstens ein Kriterium dafür finden kann. Bei den Ersatzparametern handelt es sich um Eigenschaften, die sich von den elementaren Formen der Quantität, Masse und Energie, sowie deren Existenzbedingungen Raum und Zeit ableiten und deshalb messbar sind. Sie können in Abhängigkeit von den konkreten Bedingungen der betrachteten Wechselwirkungsprozesse einen Teil der wesentlichen Eigenschaften bilden, die in ihrer Gesamtheit die Qualität darstellen.

 

Die Qualität eines Kunstwerkes lässt sich nicht nach Größe und Gewicht beurteilen und schon gar nicht messen. Trotzdem gelingt es, in einer Kunstausstellung erste, zweite und dritte Preise zu vergeben. Den Geschmack von Speisen und Getränken kann man nicht messen. Aber es gelingt, z.B. Weine durch Verkostung nach ihrer Qualität zu unterscheiden. In diesen Beispielen gibt es keine Messung, sondern die Qualität wird von Menschen bewertet. Die Bewertung  einer bestimmten Qualität durch verschiedene Menschen führt nur zu einer begrenzten Übereinstimmung der Bewertungsergebnisse. Tatsächlich ist die Bewertung abhängig von den Zielen, Kenntnissen, Erfahrungen und Gewohnheiten des einzelnen Menschen. In vielen Fällen können individuelle Interessen das Bewertungsergebnis beeinflussen. Die Bewertung ist also eine eindeutig subjektive Methode, die aber auch zu quantitativen oder zahlenmäßigen Aussagen über die jeweilige Qualität führen kann.

 

Das bekannteste Beispiel für ein Bewertungssystem, dessen Ergebnisse in Zahlen formuliert werden, ist wohl das  Zensurensystem in der Schule. Hier wird der Stand der Erziehung und Ausbildung im Hinblick auf ein entsprechendes Programm eingeschätzt und mit Zensuren bewertet. Um große individuelle Schwankungen, die als Ungerechtigkeiten empfunden werden, bei dieser subjektiven Bewertung möglichst zu verhindern, gibt es Hilfsmittel in Form von formalen Leistungsanforderungen, Fehlerquoten und Punktsystemen. Wichtige Prüfungen und Belegarbeiten werden von mehreren Lehrern oder Fachleuten unabhängig von einander bewertet. Auch die Qualität von Kunstwerken wird wohl kaum von einzelnen Experten sondern meistens von einem Gutachtergremium bewertet. Ebenso erstrecken sich organoleptische Tests von Speisen und Getränken in der Regel auf einen größeren repräsentativ zusammengesetzten Personenkreis. All diese Bemühungen sind darauf gerichtet, die Bewertung hinsichtlich ihrer Ergebnisse zu vereinheitlichen und größere individuelle Schwankungen der Aussagen zu vermeiden. Es ist aber irreführend, wenn diese Vereinheitlichung gelegentlich als Objektivierung bezeichnet wird. Eine Zensur bleibt eine subjektive Wertung auch dann, wenn sie von 10 oder 100 Lehrern ermittelt wird oder wenn man den Zensurendurchschnitt einer Klasse, einer Schule oder aller Schulen errechnen würde. Die Bewertungsmethode und ihre Ergebnisse sind uns bleiben ihrem Wesen nach subjektiv.

 

Zusammenfassend lässt sich also feststellen:

Quantität als Mengen von Masse und Energie und die davon abgeleiteten quantitativen Eigenschaften sind objektiv messbar;

Qualität als Gesamtheit aller wesentlichen Eigenschaften kann nur subjektiv bewertet werden.

 

Zur philosophischen Bedeutung von Zahlen muß zunächst betont werden, dass diese ebenso wie Mathematik und Logik in den ideellen Bereich gehören und durch Verallgemeinerung und Abstraktion aus Ergebnisse der Widerspiegelung der realen, objektiven Welt im Bewusstsein entstanden sind. Sie haben einen hohen Aussagewert, wenn die Adäquatheit zur materiellen Umwelt gewahrt wird, und sie führen zur reinen Spekulation, wenn diese Adäquatheit nicht vorhanden ist. Aus objektiven Messungen hervorgegangene Zahlenwerte sind selbst objektiv und beweiskräftig. Demgegenüber sind Zahlenwerte als Ergebnis subjektiver Bewertung selbst subjektiv. Sie können sehr nützlich sein, wenn man sich ihres subjektiven Charakters bewusst bleibt. Sie sind jedoch durch keinerlei Manipulation in objektive Zahlenwerte umzuwandeln. Für eine formale  mathematische Verarbeitung mit oder ohne EDVA spielt der Unterschied zwischen objektiven Messwerten und subjektiven Bewertungsergebnissen keine wesentliche Rolle. Bei der Interpretation der Ergebnisse darf dieser Unterschied aber auf keinen Fall übersehen werden.

 

Es wurde auch bereits auf die Veränderlichkeit der Qualität hingewiesen. Tatsächlich wird Qualität nur in Wechselwirkungsprozessen wirksam und erkennbar. In Abhängigkeit  von den Bedingungen der Wechselwirkung kann sich dabei eine unterschiedliche Qualität erweisen, weil unter anderen Bedingungen auch andere Eigenschaften wesentlich und damit qualitätsbestimmend sein können. Wird z.B. eine pflanzliche Frucht als Nahrung für Mensch oder Tier verwendet, so sind der Geschmack, die hungerstillende Wirkung, die Haltbarkeit und andere Eigenschaften wesentlich. Dient die gleiche Frucht zur Vermehrung der Pflanze, so sind Eigenschaften wie Keimfähigkeit, Unempfindlichkeit  gegenüber Kälte und Trockenheit u.a.  für die Qualität bestimmend. Ein konkretes Objekt besitzt demnach variable Qualität bei gleich bleibende quantitativen Voraussetzungen. Daraus folgt dann schließlich, dass der Zusammenhang zwischen Quantität und Qualität nicht eindeutig zu sein braucht.

 

Dieser Zusammenhang ist sehr eng bei einfachen physikalischen Objekten, weil hier ein großer Teil der qualitätsbestimmenden wesentlichen Eigenschaften quantitativ und demnach messbar ist, wird im chemischen und biologischen Bereich immer variabler, weil auf der Grundlage komplizierterer und komplexerer Strukturen immer mehr qualitative, von differenzierten Bedingungen abhängige Eigenschaften auftreten und die Qualität bestimmen, und ist im sozialen und ideellen Bereich weitgehend unbestimmt, weil hier die quantitativen Eigenschaften immer mehr in den Hintergrund treten. So ist z.B. in der menschlichen Kommunikation die Information eine rein qualitative Erscheinung, deren quantitativer Träger so unwichtig ist, dass er beliebig  ausgetauscht werden kann.

 

Diese Aussagen befinden sich in guter Übereinstimmung mit den bereits zitierten Erkenntnissen von Hegel und Engels. Sie berühren nicht das Gesetz des Umschlags quantitatver Veränderungen in qualitative, bei dem es sich um die Herausbildung neuer Qualitäten insbesondere im Entwicklungprozeß handelt. Möglicherweise können sie aber dazu beitragen, die Bedingungen für das Eintreten des Qualitätssprungs zu präzisieren.

 

"Quantität ist auch strukturelle Anordnung", schreiben Bartsch und Klimaszewski (14). Bei dem hier angesprochenen Strukturbegriff handelt es sich offensichtlich um materielle Strukturen, d.h. um die konkrete Form der Existenz von Stoff (Masse) und Energie in Raum und Zeit. Unter diesen Strukturbegriff fallen nicht die funktionellen Strukturen, etwa der Sytemtheorie, und nicht die logischen Struktruren, z.B. der Mathematik. Wechselwirkungsprozesse  vollziehen sich generell zwischen materiellen Strukturen, wobei die Menge der beteiligten  Massen und Energien  den Umfang bzw. die Stärke der Wechselwirkung determinieren, während die strukturelle Anordnung von Masse und Energie den Verlauf der Wechselwirkung beeinflusst und variiert. Hier haben die qualitativen Eigenschaften ihren Ursprung. In Abhängigkeit von unterschiedlichen Bedingungen und Partnern der Wechselwirkung können insbesondere komplizierte und Komplexe materielle Strukturen eine praktisch unbegrenzt vielfältige Prozessbeeinflussung bewirken und damit auch entsprechend zahlreiche qualitative Eigenschaften zeigen. Die im konkreten Einzelfall jeweils wesentlichen qualitativen und quantitativen Eigenschaften bilden in ihrer Gesamtheit die Qualität des Objekts.

 

Die Einheit von Quantität und Qualität ist eine Notwendigkeit, weil die Qualität nur als Wirkung materieller Strukturen existiert also Quantität voraussetzt und andererseits Masse und Energie immer uns überall strukturiert und demzufolge mit qualitativen Eigenschaften behaftet sind. Allerdings ändert sich mit der Entstehung immer komplizierterer und komplexerer materieller Strukturen das Verhältnis der quantitativen und qualitativen Eigenschaften, die in ihrer Gesamtheit die Qualität bestimmen, zugunsten der qualitativen Eigenschaften. Bei dieser Betrachtungsweise wird auch deutlich, aß das sprunghafte Auftreten einer neuen Qualität nicht durch beliebige quantitative Veränderungen hervorgerufen werden kann, sondern immer die Entstehung neuer bzw. veränderter materieller Strukturen voraussetzt, die auch die Gesamtheit der jeweils wesentlichen Eigenschaften in dem erforderlichen Maße verändern.

 

Der Verlauf von Wechselwirkungsprozessen wird nicht von allen beteiligten materiellen Strukturen in gleichem Maße beeinflusst. In Abhängigkeit von ihrer Stabilität und den energetischen Bedingungen  können einzelne Wechselwirkungspartner den Prozessverlauf entscheidend bestimmen. Hier wird eine steuernde Funktion materieller Strukturen  erkennbar, die aus deren qualitativen Eigenschaften resultiert und die von uns bereits an anderer Stelle als elementare Information dargestellt und definiert wurde (15). Diese Steuerung des Prozessverlaufes ist eine spontane Wirkung materieller Strukturen und ist im Objektbereich nicht auf ein Ziel gerichtet. Ein Beispiel aus der Chemie ist die Wirkung von Katalysatoren. In der Biologie wird die steuernde Wirkung von Nukleinsäuren unter den spezifischen Bedingungen der jeweiligen Zellen bereits eindeutig als genetische Information bezeichnet. Zielgerichtete Steuerung, wie sie von der Kybernetik verstanden wird, finden wir nur im Subjektbereich, also beim Menschen und in gewissem Umfang bereits beim Tier, sowie in der vom Menschen zielorientiert entwickelten Technik.

 

Die Informationen der menschlichen Kommunikation haben auch die beschriebenen elementaren Informationen zur Grundlage. Da sie aber nur über das Zentralnervensystem wirken, wobei der Wirkungszusammenhang in den meisten Fällen nicht durchschaubar ist, kann die mittelbare Wirkung als subjektive Reaktion im konkreten Einzelfall nur unbestimmt sein. In diesem Zusammenhang sei eindeutig festgestellt, dass es keine Wechselwirkungen  zwischen ideellen Bewusstseinsinhalten gibt. Beim Denken handelt es sich um Wechselwirkungen materieller Strukturen im Zentralnervensystem, von denen uns  allerdings nur eine qualitative Seite bewu0t wird. Materielle Strukturen sind auch hier die Träger der Informationen. Denken können wir aber auch ohne genauere Kenntnis dieser Strukturen, und wir können unsere Gedanken mit Hilfe der Sprache oder anderer Ausdrucksmittel nahezu beliebig auf andere Informationsträger übertragen. Hieraus ergibt sich auch die Notwendigkeit. Die Information als qualitative Erscheinung begrifflich eindeutig vom quantitativen Informationsträger zu unterscheiden.

 

Qualität und Quantität bilden auch hier eine Einheit, und es wurde der Versuch unternommen, die Vorstellungen von dieser Einheit zu präzisieren. Das Informationsproblem hat demzufolge eine quantitative und eine qualitative Seite. Mit der EDV haben wir die Möglichkeit, unsere Bibliotheken und Archive aller Art zu rationalisieren und damit die Mengen der Informationsträger unter Kontrolle zu halten. Für die Lösung der mit der qualitativen Information zusammenhängenden Fragen und Probleme sind das bestenfalls gute organisatorische Voraussetzungen. Fortschritte auf diesem Gebiet sind nur zu erwarten, wenn konsequent vom Primat der Qualität ausgegangen wird. Wichtigstes Kernstück von Theorie und Praxis der qualitativen Information wäre dabei die Problematik der Bewertung.

 

Literatur:

1. R.Thiel: Die Nutzung der Mathematik für die Gesellschaftswissenschsften - erkenntnistheoretische Grundlagen.

Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 30  (1982) 5, S. 591-602

2. Kleines Wörterbuch der marxistisch-leninistischen Philosophie.

Buhr M. u. A. Kosing (Hrsg.), Dietz-Verlag, Berlin 1979, S. 273

3. G. Bartsch u. G. Klimaszewsky: Materialistische Dialektik - ihre Grundgesetze und Kategorien.

Dietz-Verlag, Berlin 1975, S. 175

4.  ebenda, S.175

5. Marxistisch-leninistische Philosophie, Autorenkollektiv

Dietz-Verlag, Berlin 1979, S.232

6. ebenda, S.231

7. G. Bartsch u. G. Klimaszewsky, a.a.O., S.171

8. F. Engels: Dialektik.  In : K.Marx/F.Engels,  Werke Bd. 20, Berlin 1962, S.349

9. G.W.F. Hegel: Wissenschaft der Logik

Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig 1963, Bd. 1, S. 436

10. Marxistisch-leninistische Philosophie, a.a.O., S. 233

11. G. Bartsch u. G. Klimaszewsky, a.a.O. S.176 f.

12. G.W.F. Hegel: a.a.O. S. 437-439

13. G. Blankenstein u. E. Wirkner:  Grundgedanken zu einer qualitativen Informationstheorie.

In: Erfahrungen, Forschungsergebnisse und Probleme der gesellschaftswissenschaftlichen Information und Dokumentation,  Nr.  2, ZLGID, Berlin 1980, 47 S.

14. G. Bartsch u. Klimaszewsky, a.a.O. S. 175

15. G.Blankenstein u. E. Wirkner, a.a.O., S. 11 f.