Thesen über unser Bewusstsein

 

Gehirn und Bewusstsein bilden eine Einheit und sind das Ergebnis der biologischen Evolution. Das Gehirn ist das Zentralnervensystem, wie es vor allem bei Säugetieren vorhanden ist. Andere Nervensysteme, wie sie etwa bei Insekten vorhanden sind,  bedürfen einer gesonderten Untersuchung. Auch die autonomen Nervensysteme, die die Funktion der inneren Organe gewährleisten, werden hier nicht näher betrachtet. 

Die Entwicklung von Gehirn und Bewusstsein erfolgte, weil es notwendig war, dass der tierische Organismus sich in seiner Umgebung orientieren und auf Umweltreize reagieren musste. Nur das Überleben sichernde Verhaltensweisen machten die weitere Teilnahme an der Entwicklung möglich. 

Die Orientierung.  Mit der Entwicklung der Sinnesorgane wurden viele Umweltsignale in das Gehirn geleitet, aus denen die gesamte Situation erkannt werden musste. Diese Situationserfassung erfolgte durch Bewertung und Zusammenfassung aller Umweltsignale zu einem wirklichkeitsnahen Gesamtbild durch das Bewusstsein, das sich gleichzeitig mit den Sinnesorganen entwickelt hatte.

Die Bewertung. Aus den ursprünglichen Reflexen auf die Umweltreize entstand mit dem Gehirn und dem gleichzeitig sich entwickelnden Bewusstsein die Möglichkeit für ein variables optimierbares Verhalten in der sich ändernden Umwelt. Die Evolution selbst hat die Kriterien für die Optimierung des Verhaltens vorgegeben: Nur wer als Individuum und als Art  überleben konnte, nahm an der weiteren Entwicklung teil. Die Bewertung einer wahrgenommenen Situation für die Verhaltensentscheidung ist abhängig von den Bewertungskriterien. Bei diesen dominieren die individuellen Lebensinteressen. Sie werden ergänzt durch Wertvorstellungen, die sich aus dem sozialen Umfeld, also durch Erziehung im weitesten Sinne herausbilden. Die Ergebnisse von Situationsbewertungen können als Erfahrungswerte im Gehirn gespeichert werden.

 Das Gedächtnis.  Vom Bewusstsein wahrgenommene und bewertete Umweltsituationen können im Gehirn für kürzere oder längere Zeit gespeichert werden. Wie das in dem neuronalen Netzwerk des Gehirns konkret erfolgt, ist noch nicht geklärt. Aber je eindrucksvoller eine Situation erlebt wird, um so länger bleibt sie im Gedächtnis haften. Auch Wiederholungen vertiefen und verlängern die Speicherung.  Da viele erlebte Situationen im Detail und in der Bewertung überlappen, entsteht im Laufe des Lebens ein geschlossenes Bild des eigenen Lebensraumes, das ergänzt wird durch erlerntes Wissen von der übrigen Welt. Übereinstimmungen und Ähnlichkeiten können als Assoziationen die Gedächtnisinhalte im Bewusstsein aktivieren, so dass sie als Erfahrungswerte bei der Bewertung  neuer Situationen berücksichtigt werden können.

Das Unterbewusstsein. Bevor das Bewusstsein die Aufgabe der Steuerung des Verhaltens wahrnehmen konnte, wurden in der Evolutionen zahlreiche bewährte Verhaltensmuster im Erbgut gespeichert. Das Unterbewusstsein wirkt auch heute noch bei den Verhaltensentscheidungen des Bewusstseins mit. Außerdem übernimmt es die Kontrolle über sich wiederholende  Routineprozesse und entlastet somit das Bewusstsein.

 Die Verhaltensentscheidung. Das Bewusstsein bestimmt unser Verhalten und das Gehirn ist das ausführende Organ, das die notwendigen Signale z.B. an die Muskeln leitet. Die Verhaltensentscheidung beruht auf der Bewertung der Situation, wobei alle Signale der Sinnesorgane aber auch die meist emotionalen Signale aus dem eigenen Körper berücksichtigt werden können. Bewertungskriterien sind primär die Chancen zum Überleben, auch wenn das nicht immer so deutlich wird. Darüber hinaus hat jeder Mensch eigene Wertvorstellungen  entwickelt, und zwar durch Erziehung, soziales Umfeld, religiöse Einflüsse u.a.  Da jeder Mensch ein Unikat und ein Individualist ist, ist sein Verhalten nicht vorherbestimmt.  Während im Gehirn alle Vorgänge nach den Naturgesetzen ablaufen, gibt es in der qualitativen Sphäre des Bewusstseins keine kausalen Wechselwirkungen zwischen den Bewusstseinsinhalten sondern nur Bewertungen und Verhaltensentscheidungen.

 Das Denken. Das Bewusstsein ist immer aktiv. Im Schlaf ruht es zwar, aber im Traum können trotzdem Gedächtnisinhalte unkontrolliert aktiviert werden. Warnsignale aktivieren das schlafende Bewusstsein sehr schnell wieder. Nur bei völliger Bewusstlosigkeit (Narkose) ist das Bewusstsein ausgeschaltet und der Mensch handlungsunfähig. Auch wenn keine Verhaltensentscheidung notwendig ist, bleibt das Bewusstsein aktiv. Gedächtnisinhalte können gezielt aktiviert werden. Durch Erfahrung gewonnene Kenntnis der Folgerichtigkeit des natürlichen Geschehens ermöglicht die Vorschau auf die Konsequenzen von geplanten Aktivitäten.. Es können auch Gedächtnisinhalte zu Geschichten zusammengefügt oder folgerichtige Gedanken über die Natur und ihre Erscheinungsformen angestellt werden. Gedanken sind immer auf die aktuellen Signale der Sinnesorgane und auf das Gedächtnis angewiesen. Auch Fantasien verwenden nur Gedächtnisinhalte, die allerdings unrealistisch oder auch unlogisch und verzerrt erscheinen können. Die Gedanken sind frei! Aber die Freiheit ist begrenzt durch das individuelle Wissen und abhängig von den eigenen Wertvorstellungen.

 Gefühle werden nur im Bewusstsein wahrgenommen. Sie sind Informationen des Körpers an das Bewusstsein über den Zustand und die Handlungsbereitschaft des Körpers. Sie haben großen Einfluss auf die Verhaltensentscheidungen. Andererseits werden durch Informationen, die von den Sinnesorganen aufgenommen werden, im Körper Emotionen erzeugt. Das Gehirn mit seiner Bewustseinsfunktion ist ein entscheidender Bestandteil des Körpers und steht mit diesem in ständiger Wechselbeziehung.

 Die Kommunikation. Zwischen Menschen aber auch zwischen Tieren erfolgt die Kommunikation weitgehend mit Hilfe von Symbolen. Symbole sind materielle Objekte, denen eine Bedeutung(Information) zugeordnet werden kann. Voraussetzung für die Verwendung von Symbolen zur Kommunikation ist, dass die Kommunikationspartner die zugeordnete Bedeutung kennen. Die Symbolträger(Informationsträger) sind quantitativer Natur und können gemessen werden. Die zugeordneten Bedeutungen sind qualitativer Natur und können nur erkannt(bewertet) werden. Messungen sind objektiv, überprüfbar und reproduzierbar. Bewertungen sind subjektiv in Abhängigkeit von den Bewertungskriterien und können von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich ausfallen. Dabei sind auch Irrtümer und Fehler möglich.  Die Sprache ist ein umfangreiches Symbolsystem, das den meisten Menschen eines Sprachgebietes ausreichend bekannt ist (Muttersprache). Schwierigkeiten bei der Verständigung gibt es vor allem bei der Verwendung von abstrakten Begriffen, Fachbegriffen und Fremdwörtern, deren Bedeutung oftmals nur unzureichend oder gar nicht bekannt ist. Die Entwicklung von Schriftsprachen machte es möglich, Wissen nicht nur im Kopf, sondern auch extern zu speichern und damit dauerhaft anderen Menschen und späteren Generationen  zur Verfügung zu stellen. Das Wissen der Welt wird heute in großen Bibliotheken gesammelt. Diese enthalten aber nur Informationsträger, die nichts bewirken.  Erst wenn ein Mensch  die Sprachsymbolik kennt, erkennt, bewertet und verwertet, kann die gespeicherte Information das Handeln des Menschen beeinflussen oder bei ihm einen Erkenntnisgewinn bewirken.

Bei den großen Erfolgen der Informationstechnik wird leicht übersehen, dass mit der Technik nur Signale übertragen oder bearbeitet werden. Die den Signalen zugeordnete Bedeutung(Information) ist dabei belanglos.  Auch bei der Fernsteuerung von Geräten handelt es sich nur um algorithmische Folgen von kausalen Wechselwirkungen.

 Wir erleben unser Leben nur im Bewusstsein. Nur was wir wahrnehmen und bewerten, können wir wenigstens teilweise im Gedächtnis speichern, um uns später zu erinnern. Unser Bewusstsein bewertet alle Signale der Sinnesorgane und liefert uns so ein aktuelles Situationsbild. Mit dem Bewusstsein denken und planen wir unter Einbeziehung von Gedächtnisinformationen. Das Bewusstsein entscheidet über unser Verhalten, wobei das Gehirn als Informationsträger,   Informationsspeicher und Energielieferant beteiligt ist. Für die Realisierung unserer Verhaltensentscheidungen aktiviert und steuert das Gehirn die entsprechenden Muskeln oder auch den ganzen Körper. Im Bewusstsein geschieht alles in einer qualitativen(ideellen, geistigen) Sphäre. Die dazu gehörenden energetischen Prozesse zur Aktivierung von Gedächtnisinhalten ereignen sich im Gehirn. Im Gegensatz zum Gehirn folgt unser Denken nicht den Naturgesetzen, es ist frei aber begrenzt auf das vorhandene Wissen und durch die meist bei der  Erziehung erworbenen Wertmaßstäbe. Wir haben die Freiheit, in unserem Denken die Naturgesetze und die Realitäten zu missachten, also falsch zu denken.

Das Bewusstsein ist eine Funktion des Gehirns. Um diese Funktion zu realisieren und zu unterhalten, wird im Gehirn viel Energie benötigt.  Werden die Energievorräte knapp, so muss das Bewusstsein eine Pause einlegen, also schlafen. Diese Schlafpausen sind normalerweise dem natürlichen Wechsel von Tag und Nacht angepasst.

 Auch Tiere haben ein Bewusstsein, das zweifellos unterschiedlich entwickelt, aber vor allem durch artspezifische Bewertungskriterien geprägt ist.

 Eine wichtige Voraussetzung für ein besseres Verständnis unseres Bewusstseins ist es, den qualitativen Inhalt von Informationen klar von den quantitativen Informationsträgern zu unterscheiden.

In diesem Zusammenhang sollten auch die Begriffe Qualität, Quantität und Information neu durchdacht und präzisiert werden.

Gerd Blankenstein 2007